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I. Einleitung

1. Eine deutsche Biographie

Die ruchlose Tat ereignete sich in den frühen Morgenstunden. Am Beginn eines heißen Sommertages des Jahres 1952 lauerten zwei Männer dem Rechtsanwalt und Mitarbeiter des »Untersuchungsausschusses freiheitlicher Juristen« Walter Linse vor seinem Haus im Berliner Stadtteil Zehlendorf auf, überwältigten ihn und zerrten ihn in ein Auto, in dem zwei Komplizen warteten. Der Fahrer fuhr sofort los und jagte mit Höchstgeschwindigkeit in Richtung Stadtgrenze. Aus dem Wagen wurden Schüsse auf Verfolger abgegeben. Als der Wagen am Kontrollpunkt anlangte, wurde der Schlagbaum geöffnet und die Kidnapper verschwanden mit ihrem Opfer in der sowjetischen Besatzungszone. Der Geheimdienst der DDR, das Ministerium für Staatssicherheit, hatte erneut einen seiner Feinde zur Strecke gebracht. Walter Linse ist seitdem nie wieder gesehen worden.

Noch am selben Tag erhob sich ein gewaltiger Aufschrei der Empörung, und zwar nicht nur am Tatort in West-Berlin, sondern auch in der Bundesrepublik und weltweit. Landes- und Bundespolitiker forderten die Freilassung Linses, auch amerikanische Stellen setzten sich für ihn ein – jedoch vergeblich. Die Sowjetunion, die man sogleich der Urheberschaft verdächtigte, wies alle Vorwürfe zurück und behauptete, nichts von Linses Verbleib zu wissen. Bei dieser Position blieb man bis zum Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums, in dessen Verlauf auch die DDR mit ihrem Geheimdienst weggespült wurde. Seitdem aber die Akten des MfS veröffentlicht worden sind, kennen wir Linses weiteres Schicksal. Es war, als sei ein Gletscher geschmolzen, der lange und gutgehütete Geheimnisse preisgab.

Man könnte es nun damit bewenden lassen, zu wissen, was mit Linse nach seiner Verschleppung geschah. Aus berufenen Mündern wurde fundiert Auskunft gegeben über sein Martyrium, zuerst in der Hand des MfS in Ost-Berlin und dann des MGB und seiner Hinrichtung in Moskau 1953. Der Fall ist allerdings aus zwei Gründen einer weiteren Untersuchung wert. Zum einen bewegt Linses Schicksal bis heute die Gemüter wie kein zweites aus der Zeit der Blockkonfrontation, und das nicht nur jene, die unter Repressalien durch das MfS zu leiden hatten. Linse war zwar weder das erste noch das letzte Opfer einer Reihe von Verschleppungen aus einem der Westsektoren in den Machtbereich der Sowjets durch gedungene Kriminelle. Eine genaue Zahl lässt sich nicht mit Sicherheit nennen, aber seriöse Schätzungen sprechen von 600 bis 700 ver- suchten oder vollendeten Fällen. Man mag sich fragen, warum ausgerechnet Linses Schicksal so viel Anteilnahme hervorgerufen hat, es dürfte aber kaum bestritten werden, dass er das prominenteste Opfer eines Menschenraubes durch das MfS ist.

Zum zweiten ist bei diesem Fall die (politik-)wissenschaftlich entscheidende Frage noch gar nicht gestellt worden. Wohl ist Linses Schicksal nach der Entführung weitgehend rekonstruiert worden, und auf der Basis des so vermittelten Wissens gedenkt man seiner als Opfer des stalinistischen Terrors. So zu verfahren ist zweifelsfrei legitim, insbesondere wenn »Veteranen« des Kalten Krieges sich der Thematik annehmen. So zu verfahren, bedeutet jedoch zugleich, Linses Leben ausschließlich aus der Opferperspektive darzustellen und damit unzulässig zu reduzieren. Zwar dürfte es an dieser Aussage keinen vernünftigen Zweifel geben: dass Linse Opfer war. Aber durch diese Reduktion wird die Frage nach dem Kontext der Tat systematisch ausgeblendet, die zu ihrem Verständnis so entscheidend ist. Schließlich war Linse zu Lebzeiten zu einer gewissen Prominenz gelangt, und die wenigen Daten, die zu seinem knapp fünfzig Jahre währenden Vorleben vorliegen, lassen vermuten, dass sie geeignet sind, einen Schlüssel zum Verständnis west-ost-deutscher Geschichte zu liefern. Wenn man also das Verbrechen und Linses Leidensweg vom politischen Kontext isoliert und Linses Biographie bis zu diesem Zeitpunkt ausblendet, wird man weder der Person noch der Tat gerecht werden können.

Den Opferverbänden und anderen Politikern, die Geschichte studieren, um damit Gegenwartsfragen zu beantworten, kann man ihren verengten Blick auf die Tat schwerlich vorwerfen. Ihr Interesse an Linse ist durch ihre Befangenheit natürlicherweise von sehr gegenwärtigen Interessen geprägt, die auf Rehabilitierung, nachträgliche, gleichsam offiziöse Delegitimierung der SED-Diktatur und vielleicht auch die gegenwärtige Bekämpfung der SED-Nachfolgepartei, der PDS/Linkspartei, abzielt. Und in die Zukunft gerichtet geht es mit Sicherheit auch um die Bewahrung des Gedenkens an eine dramatische Vergangenheit. So wenig also der vorherrschende Umgang mit der Causa Linse kritisiert werden soll als eine Form, Vergangenheit zu »bewältigen«, so sehr muss sich eine wissenschaftlich verstehende Arbeit von ihr absetzen und einen anderen Zugang wählen. Eine isolierte Betrachtung der Entführung und die Rekonstruktion seines nachfolgenden Leidens kann unter dieser Perspektive nicht ausreichen. Wenn man die Tat von dem nur sieben Jahre zurückliegenden Ende der NS-Diktatur isolieren würde, würde man nichts weniger tun, als die Auseinandersetzung zwischen zwei Ideologien und ihrer habhaften Weiterungen fortzuführen, die doch eigentlich Vergangenheit sind – bzw. sein sollten. Weil der Kalte Krieg ohne die NS-Vergangenheit der Deutschen gar nicht zu verstehen ist, muss die Darstellung von Linses Verschleppung deshalb bereits im Jahre 1933 beginnen.

Was also not tut, ist, herauszufinden, welchen Weg Linses Leben bis zu seiner Verschleppung nahm, in welchem Kontext, in welcher Zeit es stattfand. Dabei müssen beide zentralen prägenden Faktoren der fünfziger Jahre gebührend beachtet werden: Der Kalte Krieg und die nationalsozialistische Vergangenheit, ohne die der Kalte Krieg überhaupt nicht stattgefunden hätte und die wie ein Schatten über allen Entwicklungen in Deutschland lag. Walter Linse gehörte als Jurist bei der Chemnitzer Industrie- und Handelskammer zur Funktionselite des »Dritten Reichs«. Man kann zwar nicht davon reden, dass er auch beim UFJ zu der Funktionselite im engeren Sinne der Bundesrepublik gehörte, aber er war auf dem besten Wege dorthin. Es ist gerade dieser Umstand: Linses Stellung vor und nach 1945, der herausfordert, genauer hinzusehen und seinen Lebenslauf unter dieser doppelten, vermutlich ineinander verschlungenen Perspektive zu betrachten.

Alle Wege der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert führen zum Holocaust. Deshalb heißt die Gretchenfrage an jeden, der ihn in irgendeiner Form hat wahrnehmen können: Wie hältst du es mit dem Nationalsozialismus? Deshalb muss sich auch Linses Leben gefallen lassen, auf diese Frage hin untersucht zu werden. Das heißt jedoch nicht, dass damit seine Verschleppung oder andere unappetitliche Aktionen des MfS gerechtfertigt würden. Es soll ja nicht nach den legitimierenden Gründen für das Verbrechen gefragt werden. Dies wäre ähnlich unzulässig wie die gegenwärtig zu beobachtende Hagiographie durch Linses Weggefährten und spätere Antikommunisten. Sondern es geht ausschließlich darum, die Charakterisierungen Linses als »Oberspion« und als »Widerstandskämpfer für die Menschenrechte« zu prüfen und ggf. zu kritisieren.

Was nachfolgend also unternommen wird, ist die Biographie eines Angehörigen jener wirtschaftlich-politischen Funktionselite, über dessen Leben man üblicherweise nichts erfährt, weil er eben kein Staatsmann oder eine anderweitig herausragende Persönlichkeit war. Aber aus genau diesem Grund ist dieses Leben von Interesse. Man erfährt über die Prägungen, Taten und Strukturen, in denen die Entscheidungen der genannten großen Gestalten wie bspw. Adenauer umgesetzt werden. Die Biographie eines solchen Mannes ist somit eine Form einer Untersuchung der Mikrophysik der Macht, die die moderne Gesellschaft so prägt. Gerade bürokratische Herrschaft ist auf das vieltausendköpfige Heer der Beamten angewiesen, die die Generallinie, die »oben« vorgegeben wird, in die Gesellschaft implementiert – im Guten wie im Bösen. Da man annehmen kann, dass Gut und Böse nahe beieinander liegen und sich überlagern – wie bei jener Funktionselite, die während des Nationalsozialismus bereits tätig war und in der Bundesrepublik wieder Fuß fassen konnte –, ist es angezeigt, das Porträt so zu zeichnen, dass die Graustufen erkennbar werden. Weiter

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