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II. Wurzeln und prägende Jahre in Sachsen

1. Kindheit, Studium, Arbeit als Hilfsrichter

Über Linses Kindheit und Jugend liegen nur spärliche Informationen vor, die zusammen genommen aber doch ein zumindest grobkörniges Bild ergeben. Geboren am 23. August 1903 als Sohn des Postsekretärs Max Linse; Konfession: evangelisch-lutherisch. Walter hat mindestens eine Schwester, Charlotte, die er während seiner Haftzeit gegenüber einem Mithäftling erwähnt. Besuch der Volksschule von 1910 bis 1920, danach Real- und Oberrealschule in Chemnitz, die er mit dem Abitur abschließt.

Aus dieser frühen Zeit ist ein Schulaufsatz Linses überliefert, den er am 4. Oktober 1920 verfasst. Man sollte die Ausführungen des siebzehnjährigen Schülers »Über mich selbst« nicht überbewerten, wie Schuller zurecht mahnt. Gleichwohl lassen sich aus der frühen Selbstbeschreibung die durchaus bereits herangereiften Charakterzüge erkennen, die auch den späten Linse ausgezeichnet haben mögen. Er offenbart sich in diesem Aufsatz als ein Idealist mit einem »Haß gegen alles Äußere«, einer Eigenschaft, die ihm insofern Probleme bereitet, als er in ihr auch ein Versagen erkennt. Bücher lesen, wenige, aber dafür tiefe Freundschaften pflegen und Grübeleien statt neuer Kleidung und oberflächlicher Vergnügungen haben ihn zu einem Einzelgänger werden lassen, der gern allein durch die Wälder streift und dem »der heitere Frohsinn des Lebens vollkommen fehlt und [...] so zu ernsten Befürchtungen meiner Liebsten geworden« ist. Zusammenfassend tadelt sich der junge Linse selbst: »Ich habe es also in meinem bisherigen Leben nicht verstanden, ein meinem Körper und meinem Geist gemeinsam gerechtwerdendes Leben zu führen«. Dafür ist er um so zufriedener mit zwei Eigenschaften, die er als Basis aller seiner Erfolge bezeichnet: Willensstärke, wenn es darum geht, ein Ziel zu erreichen, und die Fähigkeit zum Verzicht, wenn es sich als unmöglich erweist.

Unter Gleichaltrigen versucht der schweigsame, Tagebuch führende Einzelgänger, sich mit den anderen zu vertragen. Gegen den Vorwurf des Wankelmuts verwahrt er sich. Denn wenn er in jeder Meinung etwas Wahres sehe, dann komme darin doch vor allem seine Toleranz gegenüber Andersdenkenden zum Ausdruck, eine Eigenschaft, die von den Kameraden falsch gedeutet werde. »Beim Spartakist bin ich ein Monarchist, bei diesem ein Spartakist usw. Ich versuche eben, jenem zu beweisen, dass auch die Monarchie etwas für sich habe, und diesem, dass auch der Kommunismus Ideen in sich berge, denen man zustimmen kann.«

Was seine beruflichen Perspektiven angeht, sieht Linse zum Zeitpunkt der Niederschrift des Aufsatzes schwarz, denn die wirtschaftlichen Verhältnisse seiner Eltern sind nicht danach, ihm eine höhere Schulbildung und ein Studium zu finanzieren, auf dass sich sein Traum erfülle, Diplomat zu werden und an der Wiederherstellung der deutschen Ehre mitzuwirken. Der Wille, nach seinem Tod ein Denkmal gesetzt zu bekommen, das die Inschrift »Er wollte seines Volkes Bestes!« ziert, wird wohl der Kunst des Entsagenkönnens weichen müssen. – »Ein klein wenig mehr Lebensbejahung und echte Lebensfreude wünsche ich Ihnen«, kommentiert Deutschlehrer Gustav Seyfert die düsteren Ausführungen seines Zöglings. Ob es ihm gelang, Linse zu einer gewandelten Grundeinstellung zu verhelfen, ist nicht bekannt. Linse jedenfalls bewahrt seinen Idealismus bis zuletzt, als er in seinem Schlusswort vor dem Militärtribunal bekennt: »Im Großen und Ganzen geriet ich in diese Lage, weil Deutschland geteilt ist. Ich wollte meinem Vaterland helfen.«

Die Schwierigkeiten, die sich Linse 1920 auftun, bewältigt er in einer nicht überlieferten Weise. An der Städtischen Oberrealschule Wielandstraße legt er zu Ostern 1924 das Abitur ab. Im selben Jahr immatrikuliert er sich an der Leipziger Universität, um die Rechte und Staatswissenschaften zu studieren. Dabei belegt er unter anderem Veranstaltungen zur Volkswirtschaftspolitik bei Kurt Wiedenfeld und zur Handelsstatistik bei Paul Hermberg. Wenn Linses Leben von einer idealistischen Grundhaltung geprägt ist, dann könnte mit seiner Studienfachwahl ein Gerechtigkeitsempfinden zum Ausdruck kommen, das durch die Zeitläufte fast ständig verletzt wird, oder das Bestreben, ein Mittel in die Hand zu bekommen, Dinge, die im Argen liegen, zu verändern. In jedem Fall wählt er sein Fach auch aus Leidenschaft für die Juristerei, oder er entwickelt sie im Laufe der Jahre. Für diese Deutung spricht der Umstand, dass Linse froh ist, als sein Zellengenosse in MfS-Haft ein Jura-Student aus Jena zu sein scheint, mit dem er juristische Probleme erörtern und von seiner eigenen Studentenzeit erzählen kann.

Die Schmisse an seiner Wange deuten darauf hin, dass er Mitglied einer nicht näher bekannten schlagenden Studentenverbindung ist. 1927, nach sieben Semestern, wie er selbst angibt, legt er das erste juristische Staatsexamen ab. Es folgt das Referendariat in Chemnitz, Stollberg und Leipzig, das er am 18. April 1931 mit dem zweiten Staatsexamen abschließt. Er kommt als Hilfsrichter an das Amtsgericht Stollberg, wo er zwei Jahre bleibt. Im Mai 1933 versetzt ihn das sächsische Justizministerium als Hilfsrichter an das Amtsgericht Leipzig. Doch auch hier kann er nicht lange bleiben. Am 13. November 1933 ordnet der sächsische Justizminister, Otto Thierack, ein mit der Gleichschaltung der Justiz befasster Nationalsozialist, Linses Entlassung zum Jahresende an. Doch Linse kommt ihm zuvor; er führt am selben Tag eine Unterredung mit einem Beamten im Ministerium und kündigt selbst.

Über die Wege, die die Nachrichten zwischen Linse, dem Ministerium und dem Amtsgerichtspräsidenten genommen haben, erfährt man aus Linses Personalakte nichts. So ahnt man nur, dass Linse Wind von seiner Entlassung bekommen haben muss und sich in das fügte, was er ohnehin nicht beeinflussen konnte. Die Frage, welche Bedenken die Nazis gegen Linses Weiterbeschäftigung hegten, kann anhand des vorliegenden Materials nicht beantwortet werden. Über sie zu spekulieren, könnte sich jedoch lohnen, denn es drängt sich die Vermutung auf, sie könnten mit der Gleichschaltung zusammenhängen. Bereits kurz nach der »Machtergreifung« beginnen die Nazis, jüdische Beamte aus dem Staatsdienst zu vertreiben und jüdische Rechtsanwälte zu drangsalieren. Auch sozialdemokratische Beamte wechseln in diesen Monaten in die freie Rechtsanwaltschaft. Möglicherweise gehörte Linse zu jenen Beamten, denen das Regime – aus welchen Gründe auch immer – nicht traute, worauf er sich gezwungen sah, sich eine berufliche Existenz in der Nische der freien Advokatur zu suchen.

Mit Linse verliert der sächsische Staat einen qualifizierten Nachwuchsrichter, über den die Beurteilungen seiner Vorgesetzten nichts Negatives vermelden; alle fallen so ähnlich aus wie die vom 27. Mai 1932: »Ger. Ass. Linse ist sehr fleißig und zeigt großes Interesse für den Dienst. Er ist gut befähigt und besitzt gute Rechtskenntnisse. Seine praktischen Leistungen sind gut, wenn auch nicht frei von Mängeln.« Und weiter: »Dienstliches und außerdienstliches Verhalten: Nichts Nachteiliges bekannt geworden.« Und eine andere vom 17. Mai 1933 attestiert: »Ein befähigter, sehr gut, praktisch und zuverlässig arbeitender Richter, für den praktischen Dienst, und zwar für jede Stelle, geeignet.«

Wo Linse nach seinem Ausscheiden aus dem Justizdienst beschäftigt ist und was genau er arbeitet, ist nicht zweifelsfrei zu rekonstruieren. Einer Quelle ist zu entnehmen, dass er in der Kanzlei Kupfer und Schönberg in Chemnitz beschäftigt ist. Aus einer anderen Quelle sind zwei Briefe aus dem Jahre 1934 überliefert, die ihn als beim Landgericht Chemnitz zugelassenen Rechtsanwalt in Rochlitz ausweisen. Er bewirbt sich um einen Bürgermeisterposten, doch die »Hoffnungen [...] sind indes gering, da sich ein Stadtsekretär als alter Pg. mit den größten Aussichten bewirbt, obwohl ein Volljurist verlangt worden ist.« Weiter

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