www.walter-linse.deLeseprobe › Sächsische Wurzeln 2

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II. Wurzeln und prägende Jahre in Sachsen

2. Promotion zum Dr. jur.

Im Jahr seines ersten Staatsexamens nimmt Linse seine Dissertation in Angriff. Es scheint, dass er, wie man später gelegentlich behauptet hat, nach oben will: Abitur, Jura-Studium, Mitglied einer Verbindung, und nun strebt er noch einen Doktortitel an. Allerdings gelingt es ihm zunächst nicht, das Vorhaben in einer ähnlich zügigen Weise zum Abschluss zu bringen wie sein Studium. Die Umstände sind nicht so. Das Vorwort zu dem erst 1938 abgeschlossenen Werk deuten die Qualen an, die er gelitten haben muss wegen der ständigen Verzögerungen. Zuerst führt er nämlich eine »ungemein zeitraubende Befragung« durch, an die sich eine »wahrhaft mühselige Zusammenstellung, Auszählung und Diskussion der Befragungsergebnisse« anschließt. Zu allem Überfluss muss die Arbeit auch noch für ein paar Jahre ruhen, bis sie dann zwischen 1934 und 1936 endlich abgeschlossen werden kann.

Die Mühen haben sich jedoch gelohnt, das Ergebnis kann sich sehen lassen. Linse bearbeitet in seiner »dogmatischen und empirischen Studie« das immer aktuelle Problem des Verhältnisses zwischen positivem Recht und überpositiver Gerechtigkeit. Im Besonderen widmet sich der Doktorand der Frage, ob im Falle der Bestrafung des »untauglichen Versuchs« staatliche Zweckerwägungen und das Rechtsempfinden der Bevölkerung auseinanderfallen und wie man beides zur Deckung bringen kann. Empirisch ist seine Untersuchung, weil Linse 500 Männer und Frauen verschiedenen Standes zehn Fälle eines untauglichen Versuchs vorgelegt hat und sie um Auskunft bittet, ob man den Täter bestrafen soll.

Linse kommt zu dem Ergebnis, dass die Befragten zwischen verschiedenen Rechtsgütern differenzieren und ihnen je unterschiedliche Werte zuweisen. Entsprechend befürwortet er die abgestufte Strafbarkeit des untauglichen Versuchs: Wenn jemand seinem Nachbarn bereits angedroht hat, ihn zu erschießen, und der Bedrohte das Gewehr heimlich entlädt, mit dem der Drohende eines Tages tatsächlich auf seinen Nachbarn zielt, so soll dieser bestraft werden, sagen 97,8 Prozent der Befragten. Aber wer beim Verkauf eines Pferdes einen vermuteten Mangel verschweigt, und dieser Mangel existiert gar nicht, der soll nicht bestraft werden, befinden 81 Prozent. Die Kernaussage der Arbeit besteht also in der Ablehnung des so genannten Willensstrafrechts, das »mit dem Rechtsgefühl des Volkes nicht im Einklang« steht.

In seinen einleitenden Bemerkungen erkennt der Verfasser selbstkritisch an, dass der untaugliche Versuch in dogmatischer Sicht keine weitere Untersuchung lohnt, weil das Thema bis in die letzten Verästelungen ausgeleuchtet worden ist. Was Linse dennoch daraus gemacht hat, ist in zweierlei Hinsicht aufschlussreich. Zum ersten verbindet er eine dogmatische Frage mit einer Enquete unter der Bevölkerung. Auf diese Weise versucht er, die Grenzen des positiven Rechts zu markieren und mit dem Naturrecht zu versöhnen. Diesen Ansatz wird Linse später bei seiner Tätigkeit für den UFJ weiter verfolgen, wenn er den Anspruch des SED-Regimes an der empirischen Rechtswirklichkeit misst.

Zweitens sticht der Umstand ins Auge, dass Linse seine Arbeit während der Weimarer Republik begonnen hat und erst unter der NS-Diktatur beendet. Unweigerlich drängt sich die Frage auf, ob die »Machtergreifung« und nachfolgende »Gleichschaltung« einen jungen, vermutlich ehrgeizigen, auf jeden Fall lebensklugen Juristen unbeeinflusst lassen können? Anders ausgedrückt: Lassen sich in seiner Dissertation Elemente nationalsozialistischen Denkens nachweisen oder kann er sich herrschenden Zwängen entziehen? Ganz offenkundig erweist er dem Regime seine Referenz, wenn er schreibt, dass es die Aufgabe der Rechtswissenschaft im neuen Staat »selbstverständlich« nicht sein könne, die bestehende »Ideenwelt des Liberalismus« bloß zu ergänzen, sondern dass ein ganz neues System errichtet werden müsse. Weiterhin referiert er brav die offiziösen Positionen, die eine Bestrafung des untauglichen Versuchs wie die vollendete Tat fordern. Aber er führt ebenfalls eine sich ausdrücklich nationalsozialistisch verstehende Position in die Diskussion ein, die sich auf »das Volksempfinden« und die deutsche Rechtstradition beruft, wenn sie die Gleichbehandlung ablehnt. Linse schließt sich dieser Meinung unter Verweis auf die von ihm vorgenommene Befragung an. So abgesichert kann er dann die Ergebnisse seiner Umfrage präsentieren. Eine klug gewählte Lösung, denn Linse findet eine Lücke in der – ohnehin nicht hermetischen – NS-Dogmatik, in der er gleichsam unterkommen und sein vor 1933 begonnenes Projekt ohne Schaden beenden kann. Weiter

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