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2. Die Verfolgung der Juden in Chemnitz

So weit, so normal – zumindest unter den Umständen einer staatlich regulierten Wirtschaft in einer Diktatur und unter den Bedingungen eines Weltkriegs. Man wird Linse keine Vorhaltungen machen wollen, dass er seinen Beitrag zur Aufrechterhaltung der Kriegsproduktion leistet. Aber seine Tätigkeit erschöpft sich nicht darin, diese vergleichsweise »neutrale« Aufgabe zu erfüllen. Denn durch seinen Eintritt in die IHK wird Linse fast augenblicklich zum Mittäter bei der Verfolgung der Chemnitzer Juden und damit – das wissen wir heute – jener Phase, die dem Holocaust unmittelbar voranging.

Nicht nur für Linse spielt das Jahr 1938 eine bedeutende Rolle. Für die Chemnitzer Juden war es ein Schicksalsjahr. Begonnen haben die Demütigungen, Boykotte, Verfolgungen und Morde bereits 1933. Sie treffen eine kleine Gemeinde von 2.796 Mitgliedern, die zahlenmäßig unter den 335.000 Chemnitzern geradezu verschwindet. In Sachsen liegt der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung, wie die Statistik von 1925 ausweist, mit 0,46 Prozent im Vergleich zum Reich (0,9 %) noch unter dem Durchschnitt. Überproportional vertreten – in Chemnitz wie im Reich – und damit ein bedeutender Wirtschaftsfaktor sind sie als Industrielle und Fabrikanten. In Chemnitz beträgt der Anteil der Juden an Wirkerei- und Stickereifabriken 1930 35,3 Prozent, am Großhandel mit Gespinsten und Geweben 34,1 Prozent. Die Atmosphäre ist verseucht. 1935 richtet Bürgermeister Walter Schmidt einen »Judenpranger« ein, ein Blatt Papier auf einer Anschlagtafel, auf dem die Namen der städtischen Angestellten aufgeführt werden, die in jüdischen Geschäften einkaufen. Zwar wird er von Vorgesetzten wegen dieser Aktion getadelt, doch der »Judenhefter«, in dem er alle Denunziationen sammelt, bleibt von der Intervention »von oben« unberührt.

Im besagten Jahr erreichen die Schikanen und der Terror eine neue Qualität. Sowohl auf Reichsebene als auch in Chemnitz verstärkt sich der Druck auf die nunmehr 2.069 Juden. Noch geht es nicht um einen Genozid, sondern »bloß« um Diskriminierung und Vertreibung, aber die soziale, psychische und ökonomische Situation ist bereits in einem Zustand, der sich nach menschlichem Ermessen schwerlich verschlechtern kann. Die Enteignung jüdischen Besitzes und Vermögens verläuft bis dahin weitgehend ungeregelt, die Gewalt kann sich ohne Einhegung durch die Verwaltung ungehindert entfalten. Am 26. April 1938 tritt die »Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens« in Kraft, die den Prozess in rechtsförmige Verfahren leitet. Es ist ein ambivalenter Vorgang, denn mit der Einverleibung durch die Verwaltung wird zwar die ungeregelte Gewalt zurückgedrängt, zugleich aber geht man einen weiteren Schritt in Richtung industriellem Massenmord. Noch stehen allerdings die ökonomischen Motive der Nazis im Vordergrund. »Zu Spottpreisen wurden [nach der Verordnung von 1938] die jüdischen Unternehmen ›arisiert‹.« Linse erläutert in einer Aktennotiz vom 12. Januar 1944 den Unterschied. Vor 1938 »stand es im Belieben eines Juden, Grundstücke, Betriebe, die in seinem Eigentum standen, zu veräußern und die Bedingungen, unter denen er die Veräußerung durchführte, wurden zwischen ihm und dem Käufer ausgehandelt, [...] sofern die Bestimmungen über den Preisstop [...] beachtet« wurden. Nach diesem Datum wird die IHK mit den »Entjudungsverfahren« befasst, wenn es sich bei den in Frage kommenden Firmen um Gewerbebetriebe handelt. Und seit September 1938 fällt diese Aufgabe in Linses Zuständigkeitsbereich.

Hat es beim Amtsantritt Linses bei der IHK schon schlecht um die Chemnitzer Juden gestanden – für manche unter ihnen kommt es noch schlimmer. Im Oktober 1938 entzieht Polen den in Deutschland lebenden polnischen Juden die Staatsbürgerschaft. Am 27. Oktober gibt der sächsische Innenminister den Befehl zu ihrer Ausweisung. Tags darauf schwärmt die Polizei mit ihren Helfershelfern aus, um sie zu verhaften. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion ergreift man 78 Prozent von ihnen, arretiert sie in »Baum’s Ballsälen«, treibt sie am Abend in Züge und verschleppt sie ins Niemandsland bei Beuthen (Oberschlesien). Dort müssen sie tagelang auf offenem Gelände und unter erbärmlichen Umständen campieren, weil die polnischen Behörden den 318 Unglücklichen die Einreise mehrere Tage lang verweigern.

Und dann folgt der 9. November, der auch in Chemnitz seine deutlichen Spuren hinterlässt. Wie im gesamten Reich klirren in der »Reichskristallnacht« Schaufensterscheiben von Geschäften jüdischer Inhaber, ziehen SA-Männer auf, werden prominente Juden verhaftet, wird die Synagoge, ein neoromanischer Kuppelbau auf dem Kassberg, in Brand gesteckt. Die verhafteten Prominenten karrt man zur Synagoge, wo sie mit ansehen müssen, wie Feuer gelegt wird. Dann werden sie zurück ins Gefängnis gebracht und misshandelt. An der Brandstelle trifft zwar die Feuerwehr ein, unternimmt aber nichts. Am nächsten Tag rauchen die Trümmer noch. »Der Morgen des 10. November 1938 dämmerte herauf. Die Straßen füllen sich mit Menschen, die ihrer Arbeitsstätte zustreben. In der Innenstadt bietet sich ein ungewöhnliches Bild. Geschäfte mit zertrümmerten Schaufensterscheiben und geplünderten Auslagen. Davor, wie zum Hohn Wachen postiert, die Plünderer in der braunen Uniform von Hitlers Sturmabteilungen (SA). Über dem Kassberg steigen dunkle Rauchwolken zum Himmel. Die prachtvolle Synagoge, der jüdische Tempel brennt. Hier sind es die Brandstifter, die die Brandstelle absperren. Dass die Feuerwehr nicht löscht, sondern noch Benzin in das Feuer gießt, bemerken selbst die Oberschüler, die auf dem Weg zur Schule stehen geblieben sind.« Bald darauf wird die Ruine gesprengt und bis zum 20. November abgetragen. Die jüdische Gemeinde muss für die Kosten von 35.000 RM aufkommen. Linse können die Schikanen, Repressalien und Übergriffe nicht verborgen geblieben sein. Was er davon hält, wissen wir nicht. Überliefert ist nur, das zeigen die Akten deutlich, dass er trotz alledem seinen »Job« erledigte, nämlich im Auftrag der IHK die »Arisierung« der Chemnitzer Geschäftswelt zu begleiten.

Beispielsweise das Geschäft von Samuel Nußberg: Ende November 1938 erreicht Linse die Anfrage eines Geschäftsmannes aus Oberlungwitz, was denn mit der Firma Nußbergs geschehen solle, und Linse antwortet, dass sie voraussichtlich liquidiert werden würde. Wenige Tage später geht bei der IHK die Meldung des Polizeipräsidenten zu Chemnitz, Ausländeramt, ein, dass der »polnische Jude Samuel Nußberg [...] am 28. Oktober 1938 auf Anweisung des Reichsinnenministeriums nach Polen abgeschoben worden« ist. Er habe einen Bevollmächtigten benannt, der in den entsiegelten Geschäftsräumen das Geschäft weiterbetreiben könne. Aktiv wird die IHK (allerdings nicht Linse) wieder am 31. Dezember 1938, als sie dem Kreishauptmann zu Chemnitz über Nußbergs verbliebenes Vermögen berichtet und einen Liquidator vorschlägt, der seine Arbeit bis zum 15. Februar 1939 erledigen solle. Linse taucht wenige Tage später wieder in den Akten auf. Er informiert am 5. Januar den Geschäftsmann aus Oberlungwitz über den Stand der Dinge. Doch das Verfahren scheint sich etwas zu verzögern. Am 17. April meldet der Polizeipräsident der IHK, dass und wo sich Nußberg »vorübergehend zur Auflösung seines Geschäftes und seiner Wohnung« in Chemnitz aufhält. Zehn Tage später wendet sich Linse direkt an den Betroffenen und bittet um ein Gespräch. Den Inhalt von Nußbergs Aussage hält er in einer Aktennotiz vom 16. Mai fest: »›Ich bin ein polnischer Staatsangehöriger und habe zum Zwecke der Abwicklung meines Gewerbebetriebes Einreisegenehmigung bis 19. Mai 1939 erhalten. Ich habe zuletzt nur noch Strumpfgroßhandel betrieben. Der Wert des Warenlagers, das ich bei meiner Rückkehr aus Polen vorfand, betrug etwa RM 12.000.–. Das Warenlager ist inzwischen restlos verkauft worden. Irgendwelche Hilfskräfte werden nicht mehr beschäftigt. Die Geschäftsräume sind bereits seit längerer Zeit geräumt. Ich habe meine sämtlichen Verbindlichkeiten bezahlen können. Nach Bezahlung aller Steuerschulden usw. ist mir ein Überschuss in Höhe von RM 30.000.-- geblieben.‹« Am 13. Juni erfolgt dann noch die Anfrage Linses bei der Polizei, ob Nußberg wieder ausgereist sei. Das Polizeipräsidium bestätigt, dass die Ausreise nach Krakau am 19. Mai erfolgt sei.

Es finden sich weitere Vorgänge dieser Art mit Linses Paraphe, seiner Kurzbezeichnung oder Unterschrift in den Akten der IHK. Jüdische Geschäftsleute kehren nach ihrer Vertreibung nach Chemnitz zurück, um die Reste ihrer Unternehmen zu liquidieren. Der Polizeipräsident übernimmt die ausländerrechtliche Überwachung des Betreffenden, und die IHK unterstützt das Vorgehen, indem sie Liquidatoren benennt und den Betroffenen zur Sache anhört. Gutachter werden bestellt, Rechtsfragen und Zuständigkeiten geklärt. Was in Linse vorgeht, sieht man den Akten natürlich nicht an. Auch wenn man unterstellt, dass er bei seiner Arbeit Skrupel hatte oder Gewissensbisse, so war er doch Teil des Verfolgungsapparats. Er konnte sehen, was geschah, und er hat nicht Nein gesagt. Weiter

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