www.walter-linse.de › Der Streit › Reaktionen

Cover der Linse-BiografieMöchten Sie mehr  erfahren? Die Biografie »Walter Linse. 1903- 1953- 1996« behandelt alle Stationen seines Lebens von der Geburt 1903 bis zur Hinrichtung 1953 und der Rehabilitierung 1996. Bestellen Sie das Buch direkt beim Herausgeber!

Renommierte Rezensenten sind sich einig: Bei der Biografie handelt es sich um »eine fundierte Schrift«, die  »unbedingt lesenswert« ist. Sie »kann uneingeschränkt empfohlen werden«. Erfahren Sie mehr über die Reaktionen!

Ich habe diese Webseite eingerichtet, damit Sie sich informieren und ein eigenes Urteil bilden können. Ist mir das gelungen? Dann machen Sie mir eine Freude und schenken mir ein Buch von meinem Wunschzettel bei Amazon!

Kurz nach Erscheinen der hier vorgestellten Biografie im April 2007 brach in Berlin eine heftige Debatte aus. Bereits im Januar 2005 hatte der Förderverein der Stasi-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen einen Preis »zur Förderung der kritischen Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur« ausgelobt, der nach Walter Linse benannt worden war und Ende 2007 zum ersten Mal verliehen werden sollte. Unter Bezugnahme auf die soeben erschienene Biografie begann der Förderverein im Sommer damit, öffentlich um Vorschläge zu bitten.

> Erste Aufwallungen

Als dem stellvertretenden Landesbeauftragten Berlins für die Stasi-Unterlagen, Falco Werkentin, zur Kenntnis kam, dass Linse als Referent bei der Chemnitzer IHK an der »Arisierung« beteiligt gewesen war, schrieb er dem Förderverein am 9. Juli 2007 ein Fax, in dem er in harschem Ton zur Rücknahme des Preises aufforderte. Dabei berief er sich zwar einerseits auf die Biografie, andererseits legte er großen Wert darauf, den Autor derselben zugleich als inkompetent zu charakterisieren: Ob er »über ausreichende Sachkunde verfügt, stelle ich in Frage.«

Der Autor hatte bereits zuvor (6. Juli) eine E-Mail einer Historikerin in einem ähnlichen Tonfall und mit einer ähnlichen Stoßrichtung erhalten: Darin wird ihm vorgeworfen, er würde Fakten »unterschlagen«, sie einseitig interpretieren und bestimmte Akten »bevorzugt« auswerten. Die E-Mail gipfelt in einer etwas konfusen Aufforderung: »Angesichts der Ausschreibung eines Walter-Linse-Preises durch den Förderverein der Gedenkstätte Hohenschönhausen würde ich Sie herzlich darum bitten, dafür zu sorgen, dass die Diktaturen nicht gegeneinander aufgerechnet werden und die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung in Deutschland nicht verharmlost wird. Ich denke, dass Sie diesen Zweck durch eine Veränderung des von Ihnen verfassten Textes am besten erreichen würden.«

Der Vorschlag des Autors, einmal ein persönliches Gespräch zu führen, verhallte unbeantwortet. Auch wurden keine neuen Dokumente präsentiert, die eine neue Bewertung der Tätigkeit Linses während des Nationalsozialismus erforderlich gemacht hätten. Es stellte sich lediglich heraus, dass das Bundesarchiv dem Autor bezüglich der Mitgliedschaft Linses in der NSDAP eine Falschauskunft erteilt hatte. Eine Kopie der Mitgliedskarte, die Linses Eintritt am 1. Oktober 1940 dokumentiert, liegt inzwischen vor.

> Die öffentlichen Reaktionen

Werkentin hatte seinen Brandbrief an rund zwei Dutzend Empfänger geschrieben. Es war nur eine Frage der Zeit, bis dieses Schreiben an die Presse lanciert werden würde. Der »Leipziger Volkszeitung« gelang am 19. Juli der Scoop, dann zogen andere Zeitungen nach, teils berichtend, teils kommentierend.

Stefan Reinicke zieh die »antistalinistischen Preisstifter« in der »Taz« (26. Juli) der Blindheit und Ignoranz gegenüber der NS-Geschichte und warnte vor einem Verlust der Glaubwürdigkeit der Gedenkstätte. Er gab aber auch zu: »Der Fall ist kniffelig, zumindest nicht ganz klar.«

Ähnlich urteilte Volker Schmidt in der »Frankfurter Rundschau« (14. August): »Ganz schön kompliziert, diese Vergangenheit.«

Und sogar Peter Kirschey wies im »Neuen Deutschland« darauf hin, dass Linse das »Symbol für Antikommunismus« gewesen sei, das jetzt allerdings »Risse bekommen« habe.

Die üblichen Verdächtigen legten auf derartige Differenzierungen selbstverständlich keinen Wert. »Knabe wollte Nazi ehren« hieß es kurz und knapp beispielsweise in der »Jungen Welt« (26. September).

Der Förderverein reagierte auf die Kritik und verkündete am 9. August, dass die Preisverleihung ausgesetzt werde, bis eine »seriöse Prüfung« der Biografie Linses erfolgt sei.

> Der Landesbeauftragte meldet sich erneut zu Wort

Überraschenderweise legte der Landesbeauftragte auf einer Pressekonferenz am 25. September noch einmal nach. Dieses Mal trat er in Gestalt von Klaus Bästlein auf, der eine »Kurzexpertise« (PDF, externer Link) vorlegte. Das Ergebnis dieser Studie, die in Rekordzeit angefertigt worden war, lautet, kurz gefasst: Linse war ein Nazi, und jeder, der differenziert urteilen will, hat keine Ahnung.

Doch so einfach ist die Sache nicht, und bei näherem Hinsehen offenbart Bästleins »Kurzexpertise« gravierende inhaltliche und formale Mängel. Er stellt nicht nachvollziehbare Behauptungen auf und wischt jedes Indiz, das Linse entlasten könnte, als unbegründet beiseite. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch, dass Bästlein bei seinem Auftritt vor Berliner Journalisten insgesamt eine verblüffende Ahnungslosigkeit offenbarte, was Linses Werdegang angeht. Er erging sich zum Beispiel in Spekulationen über die Motive der Stasi für seine Verschleppung, eine Frage, die in der Biografie ausführlich diskutiert und beantwortet wurde.

Trotzdem ließ es sich Bästlein nicht nehmen, den Autor und einen der Herausgeber als unfähig zu schmähen. Die Fehler des Autors, rief er unter anderem frivol in die Runde, müsse man schon entschuldigen, schließlich würde die Ausbildung an den Universitäten immer schlechter. Und dass besagter Herausgeber das nicht publikationswürdige Manuskript gelesen habe, könne er sich gar nicht vorstellen, schließlich kenne er ihn; es müsse ihm »irgendwie durchgerutscht« sein.

Nach der Pressekonferenz berichteten die großen Lokalzeitungen erneut. Am 27. September polterte Christian Esch in der »Berliner Zeitung« gegen den Leiter der Gedenkstätte, Hubertus Knabe: »Er zeigt sich von einer ungewohnten Seite. Der Mann, der sonst moralisch so scharf urteilt, mahnt nun zur Milde. Kirschs Linse-Biografie lasse auch Raum für Zwischentöne. Wir ahnten nicht, dass ausgerechnet Knabe Zwischentöne schätzt.«

Zwei Tage später warf in der »Taz« erneut Stefan Reinecke Knabe Sturheit vor: Die Fakten passten ihm »nicht ins übersichtlich in Gut/Böse gerasterte antikommunistische Weltbild. Die Stasi-Gedenkstätte führt den Kampf um die erinnerungspolitische Deutungsmacht blindlings und immer verbissener. Und manövriert sich ins Abseits.«

Inzwischen hat sich auch die Historische Kommission beim Parteivorstand der SPD zu Wort gemeldet (5. Oktober); sie »fordert die Verantwortlichen in Hohenschönhausen auf, sich umgehend und endgültig von der Idee einer solchen Namensgebung zu trennen.«

Am 2. November erschien ein Artikel in der »Welt«, in dem die Diskussion zusammengefasst wurde.

Einen Monat später, am 4. Dezember, erschien - als Teaser für seinen Fernsehbericht am nächsten Abend - ein Kommentar von Benedict Maria Mülder im »Tagesspiegel«, in dem er dafür plädierte, bei der Bewertung »das rechte, nicht das selbstgerechte Maß zu finden.«

Am folgenden Tag brachten sowohl der Rundfunk Berlin-Brandenburg in der Sendung »Klartext« als auch 3sat in der Sendung »Kulturzeit« jeweils einen Beitrag mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Während sich Tom Fugmann in 3sat weitgehend auf die Darstellung des Konflikts zwischen dem Landesbeauftragten und dem Förderverein beschränkte, breitete Mülder im RBB zusätzlich die Indizien aus, die darauf hindeuten, dass Linse Juden unterstützt haben könnte.

> Finale: Das Patronat wird zurückgezogen

Just in diesen Tagen war es dann soweit, am 6. Dezember, dass der Förderverein in einer Pressemitteilung kundtat, dass der Preis einen neuen Namen erhalten und nicht mehr nach Walter Linse benannt werde, weil »das wichtige Anliegen des Preises durch die Namensdiskussion nicht beeinträchtigt werden« dürfe. Das mit der Begutachtung der Angelegenheit beauftragte Institut für Zeitgeschichte habe mitgeteilt, dass eine seriöse Bewertung der Tätigkeit Linses nur erfolgen könne, wenn man zugleich die Rolle seines Arbeitgebers, der IHK, untersuche.

Christian Semler reagierte in der »Taz« (7. Dezember) mit dem Vorwurf, die »obstinate Haltung« des Fördervereins, hätte »das Trauerspiel um die ›Konkurrenz der Opfer‹ um eine besonders abstoßende Episode bereichert«.

Einen ganz anderen Akzent setzte Franziska Augstein am 8. Dezember in der »Süddeutschen Zeitung«. Sie unterstellte, dass »der wahre Grund« für die Umbennennung des Preises eigentlich die gescheiterte Abwahl des Vorsitzenden des Fördervereins, Jörg Kürschner, gewesen sei. Doch bei diesem Artikel handele es sich, wie Vera Lengsfeld in einem Weblog kommentierte, um eine »Falschdarstellung«. Sie unterstellte Augstein, einen »Gefälligkeitsartikel für Leute, denen die Gedenkstätte ein Dorn im Auge ist«, geschrieben zu haben.

Und so blieb einem anonymen Weblog am 13. Dezember nicht viel mehr übrig als festzustellen: »Die Debatte dreht sich im Kreis.«

Am 29. März 2008 nahm Moritz Gathmann im »Tagesspiegel« das Thema in einem längeren Artikel wieder auf. Er fasste die Argumente zusammen, ergänzt um weitere O-Töne einer Zeitzeugin von Linses Verschleppung und eines Wissenschaftlers. Gathmanns Fazit: »Linse hat keine Juden misshandelt und keine antisemitische Reden geschwungen. Aber er war mehr als ein Rädchen in der Vernichtungsmaschine.«

Am 7. Oktober 2008 lud der Berliner Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen zu einer Podiumsdiskussion zum Thema »Dr. Walter Linse und der Umgang mit der historischen Wahrheit« ins Schöneberger Rathaus ein, um eine neue Schrift Bästleins über Linse vorzustellen.

Bereits am selben Tag plädierte Andreas Förster in einem »Ein eifriger Nazi« überschriebenen Artikel in der »Berliner Zeitung« dafür, »über ein Straßenschild in Berlin-Lichterfelde zu diskutieren.«

Am nächsten Tag kritisierte Sven Felix Kellerhoff in der »Welt« »manche Urteile in Bästleins Studie« als »fragwürdig«, fragte sich zugleich, ob Linse als Namenspatron für einen Preis geeignet sei. Gleichwohl: »Für Antifaschismus à la SED und Linkspartei bieten die Ergebnisse aller Fachleute keine Basis.«

Peter Kirschey sah das im »Neuen Deutschland« vom 13. Oktober nicht so differenziert. Für ihn war Linse vor und nach 1945 ein Antikommunist, und dass die Teilnehmer an der Podiumsdiskussion dies nicht gesehen hätten, brauche niemanden zu wundern.

Scharfe Kritik an Bästlein und seiner Linse-Interpretation übte am 22. Oktober Martin Otto in der »FAZ«: »Bästleins voreilige Formulierungen hatten eine Resonanz, die man angesichts aktueller Tendenzen, die DDR-Vergangenheit zu verharmlosen, gefährlich nennen kann.«

Am 26. November wird schließlich der Hohenschönhausenpreis an Joachim Walther verliehen. Hubertus Knabe würdigte in seiner Ansprache das kontinuierliche und durch keine Institution abgesicherte Engagement des Schriftstellers zur Aufarbeitung des SED-Unrechts. Weiter

Impressum

Übersicht