www.walter-linse.deDer Streit › Klaus Bästlein, der »Experte«

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Von Anfang an zeigte sich, dass sich der Landesbeauftragte mit seiner Kritik nicht allein auf den Förderverein beschränken wollte. Es ging ihm ebenso darum, die Biografie, auf die er sich ironischerweise selbst berief, als »unwissenschaftlich« abzuwerten. Warum, das bleibt sein Geheimnis und ist vielleicht auch gar nicht wichtig. Wichtig ist bloß zu erkennen, dass sein aggressives Vorgehen gegen alle, die sich mit Linse beschäftigen und ihn nicht pauschal als Nazi denunzieren, mehr über den Landesbeauftragten aussagt als über Linse, die Linse-Biografie oder den Walter-Linse-Preis.

In seiner »Kurzexpertise« unterzieht Klaus Bästlein Linses Verhalten einer rigorosen, einseitigen Bewertung und kritisiert den Biografen auf das Schärfste. Im Folgenden soll nicht auf jede Invektive gegen den Autor und nicht jede Interpretation von Linses Tätigkeit als Referent bei der IHK eingegangen werden. Lediglich ein paar grob verfälschende Behauptungen sollen kommentiert werden.

Grundsätzlich muss darauf hingewiesen werden, dass Klaus Bästlein lediglich den Bestand 30874 des Staatsarchivs Chemnitz und die Signatur 65 des Stadtarchivs Chemnitz als Fundstellen angibt. Er nennt in der Regel nicht einmal die Nummern der Akten, die er konsultiert hat, von einzelnen Schriftstücken und ihren Datierungen gar nicht zu reden. Er genügt also nicht der wichtigsten Regel wissenschaftlichen Arbeitens: Interessierten die Quellen kenntlich zu machen und ihnen dadurch die Überprüfung zu ermöglichen.

1. War Linse der »rücksichtslose Arisierungsbeauftragte« der IHK?

Bästlein schreibt: »Tatsächlich erfolgte die Einstellung aber für eine besondere Aufgabe, nämlich die ›Entjudung‹ der Chemnitzer Wirtschaft. Linse selbst schrieb in einem Vermerk vom 12. Januar 1944, dass er ›im September 1938 von Herrn Direktor Brüggemann die Bearbeitung von Entjudungsvorgängen übernommen hatte‹.«

Diese Interpretation hängt völlig in der Luft. Das Dokument, das Bästlein zitiert, gibt die Interpretation, Linse sei zu dem Zwecke eingestellt worden, besagten Brüggemann von seiner »Arisierungs«tätigkeit zu entlasten, nicht her.

Bästlein schreibt: Linse »führte die ›Arisierung‹ in Chemnitz durch – und zwar rücksichtslos und bis zur völligen Vernichtung der bürgerlichen Existenz der Betroffenen.« – »Und in Chemnitz war der ursprünglich bei der IHK mit der Arisierung befasste Referent damit bald derart überanstrengt, dass Dr. Walter Linse zu seiner Entlastung eingestellt wurde und ab 1939 praktisch der Arisierungsbeauftragte der IHK Chemnitz wurde, der auch die allermeisten Verfahren durchführte.«

Bei diesen beiden Behauptungen stellt sich die Frage, woher Bästlein seine Erkenntnisse hat. Die Akten der IHK lassen nicht erkennen, ob jemand »rücksichtslos« gehandelt hat oder nicht. Es ist ja gerade charakteristisch für eine Bürokratie, dass die Motive der Handelnden nicht erkennbar werden. Und wo steht, dass Linses Vorgänger »überanstrengt« war?

Die Funktion eines »Arisierungsbeauftragten« ist nicht bekannt.

2. War Linse ein Erpresser?

Bästlein schreibt: »Linse scheute sich nicht, in selbst für damalige Verhältnisse offen rechtswidriger Weise gegen Juden vorzugehen. So ließ er auf Veranlassung des NSDAP-Kreiswirtschaftsberaters Weinhold den ›Juden Leyser‹, dessen Trikotagenfabrik Linse gerade ›arisierte‹, zu sich zitieren und am 21. April 1939 folgende Erklärung abgeben: ›Es ist richtig, daß ich gegen einen gewissen Helmut Z. in Plauen einen rechtskräftigen Schuldtitel über RM 750 besitze. Diese Forderung habe ich aber bereits seit längerer Zeit abgeschrieben, und ich werde demzufolge aus diesem Schuldtitel gegen Zimmermann nicht mehr vorgehen.‹ Linse nutzte also seine Amtsstellung, um dem Juden, dessen Betrieb er gerade ›arisierte‹, vorstehende Erklärung abzupressen.«

Es geht um folgenden Fall: Weinhold wendet sich an die IHK mit der Bitte, dafür zu sorgen, dass Leyser auf seine Forderung gegen Zimmermann verzichtet. Daraufhin bestellt Linse Leyser ein und fertigt im Anschluss eine Aktennotiz, in der er Leysers Aussage, wie von Bästlein zitiert, festhält. Dann schreibt Linse: »... unterrichtete ich Herrn Kreiswirtschaftsberater Hauschildt ... über das Ergebnis meiner Verhandlungen mit Leyser, wobei ich deutlich zum Ausdruck bringe, daß dieser seinen Verzicht auf seine Rechte aus dem gegen Zimmermann erwirkten Schuldtitel nur erklärt habe, weil er die Forderung bereits seit längerer Zeit abgeschrieben hatte. Weiterhin bringe ich zum Ausdruck, daß es grundsätzlich unmöglich ist, Juden, die Ariern gegenüber ausgeklagte oder unstreitige Forderungen besitzen, zu bewegen, auf diese Ansprüche zu verzichten. Herr Hauschildt erklärte mir, daß dies auch seine Auffassung sei.«

Die Vermutung, dass in diesem Fall ›irgend etwas vorgefallen‹ ist, liegt nahe. In jedem Fall handelt es sich um einen nicht ganz gewöhnlichen Vorgang, und dass Hauschildt die IHK dazu bewegen wollte, etwas rechtlich nicht einwandfreies zu tun, ist eindeutig. Aber kann man daraus folgern, dass Linse Leyser erpresst hat? Eine derart eindeutige Schlussfolgerung kann man seriöserweise nicht ziehen. Wurde Linse nicht eher selbst von Hauschild unter Druck gesetzt? Und wenn man bedenkt, dass er sich in einem »Doppelstaat« (Fraenkel) zurechtfinden musste, ist es sogar umgekehrt nicht auszuschließen, dass Linse Leyser zu einem Verzicht auf seine Forderung riet, um ihn vor schlimmerer Unbill als dem Verlust einer größeren Summe Geldes zu bewahren.

Bästlein erweckt mit der Formulierung »nutzte also seine Amtsstellung« den Eindruck, Linse hätte sich bereichern wollen. Auch diese Unterstellung lässt sich nicht - zumindest nicht anhand dieser Quelle - belegen.

3. War Linse ein Denunziant?

Bästlein schreibt: »Linse scheute aber auch nicht vor Denunziationen zurück. So schrieb er – wiederum auf Veranlassung von Weinhold – am 16. April 1942 ausgerechnet im Fall Reiter an die Gestapo in Chemnitz, dass er sein Gutachten an den Regierungspräsidenten übersende, ›damit Sie über die Angelegenheiten unterrichtet sind und in die Lage versetzt werden, den Juden Reiter (bei seinen Reisen zu den Einsatzorten seiner patentierten Bohrvorrichungen, Anm. d. Verf.) entsprechend beobachten zu können.‹ Linse rettete Reiter also keineswegs das Leben, sondern machte die Gestapo – ganz im Gegenteil – sogar noch auf ihn aufmerksam.«

Man kann den Fall auch genau andersherum interpretieren. Zum Zeitpunkt der vermeintlichen Denunziation hatte Linse schon zahlreiche Gutachten im Sinne Reiters geschrieben. Auch die Gestapo hatte sich bereits ausgiebig mit seinem Fall beschäftigt. Linse brauchte sie also auf Reiter gar nicht aufmerksam machen. Diese Frage wird im Übrigen ausführlich in der Biografie diskutiert.

4. Welche Rolle spielte Reiters Frau?

Bästlein schreibt: »Denn es war nicht auf die Anträge Linses zur Verlängerung des Treuhandauftrages zurückzuführen, dass Reiter von Deportation und Vernichtung der Chemnitzer Juden ausgenommen blieb. Der Grund dafür lag vielmehr darin, dass Reiter mit einer ›Arierin‹ verheiratet war, die zu ihm hielt. Denn bekanntlich wurden die in einer gültigen ›Mischehe‹ lebenden Juden allgemein von der Deportation und Vernichtung verschont. Als die Gestapo Anfang 1943 in Berlin gleichwohl mit ›Arierinnen‹ verheiratete jüdische Männer verhaften ließ, kam es bekanntlich zu den tagelangen öffentlichen Protesten der Ehefrauen in der Berliner Rosenstraße, die schließlich Goebbels veranlassten, für die Freilassung der jüdischen Männer zu sorgen, um weiteres öffentliches Aufsehen zu verhindern.«

Erneut fragt man sich, woher Bästlein weiß, dass Reiters Frau sich für ihn einsetzte. Vielleicht hat er ihre Eingaben an Behörden gefunden oder Tagebücher von Zeugen, die diese Behauptung stützen? Dann sollte er diese Quellen schleunigst offenlegen. Ansonsten ist die Beweisführung in diesem Fall besonders dürftig: Es reicht nicht aus, auf die Frauen der Berliner Rosenstraße zu verweisen; damit kann man nicht Vermutungen über das Verhalten von Reiters Frau belegen. Und zeigt der Berliner Fall nicht umgekehrt sogar, dass die Gestapo auch die Juden deportieren wollte, die mit »Arierinnen« verheiratet waren?

5. Fazit

Bästlein geht es nicht um eine faire Würdigung von Linses Verhalten. Ambivalenzen ignoriert er, Belege für seine Behauptungen liefert er nicht. Sein Urteil über Linse stand von vornherein fest.

Bei der »Kurzexpertise« handelt es sich um eine politische Auftragsarbeit der übelsten Sorte. In erster Linie dient sie dazu, Linse post mortem als blutrünstigen Nazi, als Arisierungsgewinnler darzustellen. Mittelbar geht es Bästlein darum, den Leiter der Gedenkstätte Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, vor sich her zu treiben. Und letztlich sollen auch die Stasi-Opfer desavouiert werden, die in Linse ein leuchtendes Beispiel für untadeligen antikommunistischen Widerstand gesehen haben. Weiter

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