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Von unbewiesenen Behauptungen und alte Rechnungen - Warum der Fall Walter Linse immer noch die Gemüter bewegt

1. Die Hitze eines sommerlichen Gefechts

In der Berliner Gedenkstättenszene gab es im Sommer 2007 eine kleine, unschöne Auseinandersetzung um den »Walter-Linse-Preis«, für die auf der einen Seite der Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Martin Gutzeit, und seine Getreuen Falco Werkentin und Klaus Bästlein und auf der anderen der Vorsitzendes des Fördervereins der Gedenkstätte Hohenschönhausen, Jörg Kürschner, und der Geschäftsführer der Gedenkstätte Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, verwickelt waren. Aber auch ich, der Autor einer Linse-Biografie, sowie, noch weiter am Rande, die Herausgeber derselben, wurden in die Auseinandersetzung hineingezogen.

Bei dieser Auseinandersetzung wurde scharf geschossen, doch auf wen genau gezielt wurde und warum, war mir nicht so recht klar. Vor allem wusste ich nicht, was ich mit der Angelegenheit zu tun hatte. Ich hatte doch lediglich herausfinden wollen, was Linse getan hatte, bevor er nach West-Berlin kam und seine Arbeit für den UFJ aufnahm. Doch auf ein Mal sah mich in die Rolle des Apologeten eines Mannes mit NS-Vergangenheit gedrängt und als unfähig zu wissenschaftlicher Arbeit gebrandmarkt. Der Förderverein, die Gedenkstätte, Linse, ich – alles wurde zu einer eigenartigen Melange zusammengerührt, abwägende Differenzierungen wurden sorgfältig vermieden. Und alsbald begriff ich, dass es bei diesem Streit gar nicht um mich oder einen Preis ging, der nach einem Stasi-Opfer mit NS-Vergangenheit benannt werden sollte. Die Schärfe der Auseinandersetzung deutete darauf hin, dass da »mehr« war. Aber was?

2. Gute und schlechte Öffentlichkeitsarbeit

Es begann damit, dass der Förderverein im Februar 2005 einen Linse-Preis auslobte, der alle zwei Jahre an Personen vergeben werden sollte, die »zur kritischen Auseinandersetzung mit der kommunistischen Diktatur und dem System der politischen Justiz in der DDR« anregen. Dotiert wurde der Preis mit 5.000 Euro. Im Förderverein war man sich von Anfang an darüber im Klaren, wie mir erzählt wurde, dass der Preis nach Linse benannt werden sollte. Es gab keine langen Diskussionen, weil Linse allseits als untadeliger Demokrat angesehen wurde, der sein Leben im Kampf gegen das kommunistische Unrechtsregime lassen musste. Auch außerhalb stieß die Entscheidung auf keinen Widerspruch, weshalb sich der Förderverein bei der Wahl des Patronats im Einklang mit dem Rest der Welt wusste. Linse, der Held.

Im Frühsommer 2007 waren die Vorbereitungen so weit gediehen, dass man sich mit einem Faltblatt an die Öffentlichkeit wendete und um Nominierungen für den Preis bat. Allerdings unterlief dem Förderverein ein peinlicher Fauxpas: »Walter Linse wurde am 25. August 1903 in Chemnitz geboren. Nach dem Jura-Studium flüchtete er 1949 aus der DDR und ...« hieß es da, als hätte Linse nicht schon 1931 das zweite Staatsexamen absolviert, sondern erst knapp 20 Jahre später. Hinzukam, dass der Förderverein im Zusammenhang mit dem Preis auf meine kurz zuvor, im April, erschienene Schrift aufmerksam machte und »uneingeschränkt« zur Lektüre empfahl. Und in dieser Schrift beschreibe ich, dass und in welcher Weise Linse seit 1938 in die »Arisierung« in Chemnitz verwickelt war. Es ist unwahrscheinlich, dass man im Förderverein genau dieses Kapitel überlesen hat. Vermutlich hat man es zur Kenntnis genommen, aber die Bedeutung dieser Informationen nicht richtig einzuschätzen vermocht. Der Heiligenschein überstrahlte eben alles.

Recht bald erfuhr Gutzeits Stellvertreter, Falco Werkentin, von den neuen Erkenntnissen. Er schrieb Kürschner und allen 18 Gründungsmitgliedern des Fördervereins einen Brief und forderte grob zur Rücknahme der Ausschreibung auf: »Einen Mann, der zumindest stark im Verdacht steht, Gehilfe der mörderischen NS-Diktatur gewesen zu sein, gleichwohl zum Namensgeber eines Preises zu machen, dessen Aufgabe es sein soll(te), publizistische Arbeiten zur Stärkung des antitotalitären Konsens[es] auszuzeichnen, ist schlechterdings unvertretbar.« Sollte der Förderverein an der Ausschreibung festhalten, werde sie sich »zum größtmöglichen Schadensfall für den Ruf der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen« entwickeln und sich als »Danaer-Geschenk, ein trojanisches Pferd, für die Befürworter und Feinredner der SED-Diktatur« entpuppen.

Werkentins Adressat war klar: der Förderverein. Sein Ziel war ebenso eindeutig: die Rücknahme der Ausschreibung. Doch darüber hinaus warf das Schreiben eine Frage auf: Wollte Werkentin wirklich Schaden von der Gedenkstätte abwenden? Seine Argumentation war zwar nachvollziehbar und insgesamt überzeugend, aber war die Form – eine Art Ultimatum, das dank des Empfängerkreises von knapp 20 Personen nicht wirklich als vertraulich verstanden werden konnte – seinem Ziel angemessen? Konnte er es wirklich fürsorglich gemeint haben, wenn er zugleich die Öffentlichkeit suchte? Man wird den Verdacht nicht los, dass Werkentin es von Anfang an auf einen Skandal angelegt hat.

An dieser Stelle geriet auch ich – gleichsam offiziell – in die Schusslinie. Werkentin beließ es nämlich nicht damit, unter Berufung auf meine Ergebnisse die Rücknahme der Ausschreibung zu fordern, sondern er fühlte sich gleichzeitig bemüßigt anzuzweifeln, ob ich »über ausreichende Sachkunde« verfüge. Ich könnte über diese Rempelei am Rande hinwegsehen, deren Sinn sich mir ohnehin nicht ganz erschloss, wenn nicht in dieser Phase der Auseinandersetzung dieses Muster – den Preis und den Biografen zu kritisieren, als hätten sie etwas miteinander zu tun – auch an anderer Stelle aufgetaucht wäre. Es reichte einigen Figuren offensichtlich nicht aus, mit Bezug auf meine Forschungsergebnisse die Rücknahme der Ausschreibung zu fordern, sondern man attackierte zugleich meine Person und mein Werk, als ob ich den Preis ausgelobt oder mich an den »Arisierungen« beteiligt hätte.

Bereits wenige Tage zuvor hatte mich eine E-Mail erreicht, in der mir eine Wissenschaftlerin aufgeregt unterstellte, ich hätte nachteilige Informationen über Linse »unterschlagen« und bestimmte Akten »bevorzugt ausgewertet“. Sie könne meiner Bewertung »nicht folgen«, ihre Kollegen seien »einigermaßen entsetzt«. Ganz allgemein machte sie mich sogar für Geschichtsklitterungen verantwortlich und forderte mich auf, Abhilfe zu schaffen: »Angesichts der Ausschreibung eines Walter-Linse-Preises [...] würde ich Sie herzlich darum bitten, dafür zu sorgen, dass die Diktaturen nicht gegeneinander aufgerechnet werden und die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung in Deutschland nicht verharmlost wird. Ich denke, dass Sie diesen Zweck durch eine Veränderung des von Ihnen verfassten Textes am besten erreichen würden.«

Man kann dieses Schreiben mit viel gutem Willen als eine Art der Kommunikation unter Kollegen verstehen, auch wenn betreffende Dame auf meinen Vorschlag, einmal persönlich miteinander zu sprechen, nicht einging. An Rufmord allerdings grenzte ein Artikel über den Zwist, in dem einzelne Informationen aus meinem Text herauspickt, mit freien Spekulationen verknüpft und mit deftigen Wertungen ergänzt wurden und mir auf dieser Grundlage unterstellt wurde, ich hätte Linse weißwaschen wollen. Fakten, die Linse entlasten könnten, nahm der Autor eben so wenig zur Kenntnis wie den Umstand, dass ich das spärlich vorhandene Material abwägend geprüft hatte und überhaupt als erster die Frage nach Linses NS-Vergangenheit gestellt hatte. Für diesen Journalisten war Linse ein Nazi, und da ich mich mit ihm beschäftigt und nicht die »Nazi-Keule« geschwungen hatte, musste ich wohl auch einer sein.

Dann strebte der Streit seinem Höhepunkt entgegen, einer Pressekonferenz, zu der der Landesbeauftragte geladen hatte, um die neue Broschüre »Hingerichtet in Moskau. Opfer des Stalinismus aus Berlin 1950-1953« vorzustellen. Zugleich präsentiert er eine »Kurzexpertise« aus der Feder von Klaus Bästlein, einem Freund Werkentins. Bei der Veranstaltung sprach hauptsächlich Bästlein, der sich in obszönen Schmähungen meiner Person und der eines der beiden Herausgeber, Norbert Haase (Stiftung Sächsische Gedenkstätten, Dresden), erging. Die Fehler des Autors, rief er unter anderem gut gelaunt in die Runde, müsse man schon entschuldigen, schließlich würde die Ausbildung an den Universitäten immer schlechter. Und dass Haase das nicht publikationswürdige Manuskript gelesen habe, könne er sich gar nicht vorstellen, schließlich kenne er ihn; es müsse ihm »irgendwie durchgerutscht« sein.

Am nächsten Tag berichteten die Zeitungen ausführlich, und man konnte den Eindruck gewinnen, als sei es Bästlein gewesen, der herausgefunden habe, dass Linse bei der IHK für »Arisierungen« verantwortlich gewesen war. Dass dieser Eindruck nicht der Wahrheit entsprach, war gleichgültig, schließlich hatte der Landesbeauftragte sein Ziel erreicht: den heldenhaften Widerstandskämpfer Linse vom Sockel zu stoßen und das Renommee des Fördervereins nachhaltig zu schädigen. Von der Parole: »Linse, der Nazi« zu: »Knabe, der Nazi« war es dann nur noch ein kleiner Schritt, den die »Junge Welt« in der gewünschten Deutlichkeit ging.

Knabe und Kürschner kamen aus der Ecke, in die man sie hineingedrängt hatte, nicht wieder heraus. Sie erkannten die Problematik eines Linse-Patronats, wollten sich aber – verständlicherweise – keine Befehle erteilen lassen, schon gar nicht öffentlich. Sie suspendierten die Ausschreibung und kündigten eigene, neue Forschungen zu Linse an, die das Münchner Institut für Zeitgeschichte (IfZ) besorgen sollte. Das IfZ hielt sich jedoch bedeckt und empfahl das einzig Sinnvolle: die »Arisierung« der Chemnitzer Wirtschaft insgesamt zu untersuchen und in diesem Zusammenhang auch die Rolle Linses zu ermitteln. Daraufhin wurde der Preis in »Hohenschönhausen-Preis« umbenannt. Weiter

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